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Vom Spalentier und Wildpinklern

Verbotsschild: Bitte nicht pinkeln!
Bild © VISIT BASEL AG
 

Vom Spalentier und Wildpinklern

►Artikel von Mike Stoll. 1. Juni 2012

 

Jedes Jahr, wenn in Basel die Temperaturen steigen, und die Röcke der feschen Baslerinnen wieder kürzer werden, mehrt sich nicht nur der Durst der männlichen Bewohner dieser Stadt, sondern damit auch deren Harndrang. Obwohl die Stadt den unverbesserlichen Wildpinklern mit modernster Sanitärtechnik den Kampf angesagt hat, macht sich leider noch immer der stechende Geruch gelassenen Wassers breit … und seit Alters her man kennt den Täter ganz genau!
 

Wenn Sie werte Baselbesucherin, werter Baselbesucher glauben, dass diese Unart, seiner Blase in mehr oder minder‘ freien Wildbahn Druckerleichterung zu verschaffen, in unserer ansonsten schönen Stadt ein Phänomen neuerer Zeit sei, so täuschen Sie sich! Wie in sämtlich‘ grossen Städten Europas war es auch in Basel für lange Zeit schlichtweg normal, beim Durchschreiten der engen Gassen und weiten Plätze die Nase zu rümpfen. Seit jeher roch es in unseren Mauern nach allem möglichen und unmöglichen Dingen. Mannigfache Duftschwaden von frisch gebackenem Brot zogen da durch die Strassen und vermischten sich mit dem feinen Aroma exotischer Gewürze, die da wohl feilgehalten wurden. Ähnlich wie heute wurde da an Markttagen allerlei Obst und Gemüse angeboten, Käse und Fleisch an den interessierten Kunden gebracht. Und die zahlreichen Wohlgerüche vermochten durchaus dem zufälligen Zeugen dieses regen Treibens das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen. Bräter und Schankwirte boten dann schnelle Abhilfe, den gröbsten Hunger und Durst zu stillen. Doch was tun, wenn damals nach fliegendem Mahl und 1-2 Krug‘ gewürzten Weins die Blase begann, mächtig Druck auf den wackeren Zecher auszuüben? Man liess es ganz einfach laufen! Suchte sich besten Falls eine abgeschiedene Ecke und verrichtete das Unaufhaltsame – Männlein und Weiblein gleichermassen. Entlang des noch offenen Birsigs gab's da die sogenannten «Abtritte», wo Man(n) sich auf die Schnelle erleichtern konnte (standen dann einmal 1-2 Herren von unterschiedlichem Körperbau beisammen, sprach der Volksmund spöttisch auch von «Orgelpfeifen». Selbstverständlich gab es in besseren Häusern auch schon Aborte oder dann zumindest einen Nachthafen, worauf resp. worein man sein Geschäft verrichten konnte. Nur geleert wurden diese Behältnisse allesamt bis in die Neuzeit auf die Strasse. Kurz entschlossen öffnete die pflichtbewusste Hausfrau den Fensterladen und kippte den unliebsamen Inhalt aus – war sie gut gelaunt, warnte sie mit einem vorauseilenden Ruf die Passanten unten, und wenn nicht, dann eben nicht! Ohne die Schaffung einer tauglichen Kanalisation waren Basels Gassen nicht nur Verkehrswege und Handelsplätze, sondern eben auch übel riechende Kloaken, deren unerfreulicher Inhalt bei Regen in braunen Bächen dann langsam talwärts floss und im Birsig auf Nimmerwiedersehen verschwand – zumindest dann, wenn des Stadtbächlein auch genügend Wasser führte! Erst das sich zu Ende neigende 19. Jahrhundert brachte hier für die gequälten Basler Nasen Erleichterung, wenn auch vorerst nur äusserst zaghaft.
 
Natürlich haben Sie – geneigte Leserin, geneigter Leser – recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass die Menschen in der guten, alten Basler Zeit ja gar keine andere Wahl hatten. In Ermangelung sanitärer Alternativen blieb ihnen eben nichts Anderes übrig als ihre Notdurft in der freien Wildbahn zu verrichten. Heut‘ zutage aber ist es schlichtweg eine Schweinerei, sein Wasser in Basels Gassen oder Grünflächen zu lassen. Gibt es doch bald an jeder Ecke ein futuristisches Toi Toi oder eine öffentliche Bedürfnisanstalt, seit 1956 ausgeschildert mit dem nostalgischen Brünzelwaggis auf Nikolaus Stoecklins Laternchen (siehe entsprechenden Link und Bild unten!).
 
Und wer ganz einfach so viel trinkt, dass er es zeitlich nicht mehr auf’s nächste «Hüüsli» schafft, der soll erst mal seine  Blase trainieren, bevor er in den Ausgang geht! Wie man sieht, Ausreden gibt’s eigentlich keine. Und doch passiert es immer wieder, dass dem Wanderer von Nah und Fern, der frohen Schritts durch Basels schöne Altstadt kreuzt, üble Gerüche vor dem Antlitz wabern und ihm die zarte Lebensfarbe rauben. Dies nicht etwa in dunklen Gassen und verschrobenen Winklen – nein, an lichten Orten bester Güte und Sehenswürdigkeiten ersten Ranges! Auf dem schmucken Plätzchen hinter der Barfüsserkirche, an der kunstvollen Serra-Plastik beim Stadttheater oder gar dem Spalentor, um nur einige prominete «Schiffstationen» zu nennen. Hat er sich dann vom ersten Nasenschock erholt und seine Sinne wieder beisammen, treibt ihn natürlich die Neugier, zu erfahren, was denn diese Ferkelei an solch‘ illustren Plätzen verloren hat. Oft beschämt über den Gestank geben die Anwohner sich dann um die rechte Antwort windend zur Auskunft, dass dies wohl von Alters her schon immer so gewesen sei:
 
Sobald die Temperaturen zum Sommer hin merklich steigen, oder der Föhn unverhofft durch Basels Gassen weht, tauche da ein grosser, schwarzer Hund, ein wahres Untier – mehr ein struppiger Bär, denn ein Abkömmling des stolzen Wolfes – auf, der vom Petersgraben und der Spalen her die Stadt heimsucht. Sein fürchterliches Gebell lässt einem das Blut in den Adern gefrieren, und hört man gar sein markdurchdringendes Geheul, so sei gewiss, dass Gevatter Tod wieder einen angesehenen Bürger geholt hat. Mit seinem grauslich stinkenden Urin markiert er sämtliche Fassaden und Ecken, so dass es den Bewohnern übel von den aufsteigenden Dämpfen wird, und wer immer es sich leisten kann, flieht hinaus aufs Land.
 
Auf die Frage, woher denn dieser garstige Hund komme, erntet man nur Achselzucken und verstohlene Blicke. Bohrt man aber dennoch weiter und bleibt hartnäckig, so kann mit einigem Geschick in Erfahrung gebracht werden, dass diese stinkende Heimsuchung vielleicht zu Beginn des 17. Jahrhunderts erstmals einsetzte, als sich ein junger Basler Geselle in der Fremde sein Leben nahm. Damals, so hört man hinter vorgehaltener Hand, hätte hier oben in der Spalenvorstadt eine zufriedene Familie gelebt. Die Eltern waren beschenkt worden mit einem Knaben, desgleichen es in der ganzen Stadt nicht gab. Er war wohl erzogen, höflich, nie laut und seine Hosen blieben vor und nach dem sonntäglichen Kirchgang stets sauber. So wuchs er heran und bereitete Vater und Mutter viel Freude. Doch das Glück währte nicht ewig. Als die Zeit gekommen war, sich einem ehrlichen Handwerk zuzuwenden, verstarb unverhofft die Mutter. Den alten Vater traf dieser bittere Schicksalsschlag so sehr, dass er sich mehr und mehr aus dem Leben zurückzog. In seiner tiefen Trauer wies er auch den lieben Sohn von sich. Um den leidenden Vater zu entlasten und sich selbst einen Gefallen zu tun, wollte er sein Glück in der Fremde suchen und packte frohen Mutes sein Bündel. Nach Süden, nach Italien soll er gezogen sein. Trotz seines Fleisses und Talentes aber ist er dort in grosse Not gekommen;  bis heute sei aber die Ursach‘ hierfür nicht bekannt! Voller Hoffnung also schrieb er seinem Vater daheim einen Brief und bat ihn darin dringend um einen Batzen, wenn er nicht wolle, dass er fern der Heimat den Hungertod erleide. Was der Sohn aber nicht wissen konnte, war, dass Gram und Einsamkeit den Vater beinah‘ verzerrt hatten und auch an seinem Verstande nagten. So hatte er die einstige Liebe und seinen Stolz auf den Sohn vergessen und verkannte dessen verzweifelte Lage. Voller Zorn soll er ihm geantwortet haben, dass er ihn nicht ziehen liess, um einen Beruf zu erlernen, damit er sich letzten Endes doch wie ein Tagedieb über sein Geld hermache. Das einzige, was er somit je von ihm bekäme, wäre dieser Kreuzer, der dem Schreiben beliege. Wenn dies nicht für seine Verkostung genüge, so stehe es ihm frei, damit einen Strick zu kaufen und sich am nächsten Baume aufzuknüpfen.
 
Gesagt, getan! In seiner Verzweiflung, und weil er die harsche Reaktion des Vaters nicht zu verkraften mochte, besorgte er sich einen Strang und erhängte sich am Aste eines alten Baumes. Als die Nachricht seines Todes den Vater erreichte, besann dieser sich des liebenden Sohnes, und tiefe Reue überkam ihn. Aus Scham über seine eigene Hartherzigkeit folgte er dem Sohne nach und griff ebenfalls zum Strick. Da nun Vater und Sohn beide durch die eigene Hand aus dem Leben schieden, machte in der umliegenden Nachbarschaft bald das Gerücht die Runde, dass bei dermassen grossem Unglück wohl der Leibhaftige höchst selbst seine krummen Finger im Spiel gehabt haben müsse, war doch die ganze Familie in der Stadt als äusserst redliche Christenmenschen bekannt. Und so kam es, dass im Gerede der Leute alsbald Dämonen und böse Geister das verlassene Haus in der Vorstadt bevölkerten. Immer wenn die erste Sommerhitze in der Spalen Einzug hielt und an den grausigen Tod von Vater und Sohn erinnerte – beide sollen sich eben Anfang Sommer das Leben genommen haben, machten sich diese Unholde bemerkbar, indem sie die morschen Balken der verwahrlosten Liegenschaft krachen liessen und im Innern mit viel Gepolter und Getöse wüteten. Sie schlugen die lottrigen Läden laut auf- und zu und ein paar besonders bösartige Wesen pfiffen und zischten drohend vom Dach. Verängstigt suchten dann die in der Strasse spielenden Kinder Schutz und Trost bei ihren Müttern, und selbst gestandene Basler schlugen voller Furcht das Kreuz, wenn sie eiligst an diesem verwunschenen Bau vorbeischritten. Dennoch soll es noch eine ganze Weile gedauert haben, bis sich ein mutiger Exorzist fand, der diesem Teufelstreiben ein Ende bereiten wollte. Begleitet von den staunenden Blicken der Anwohnerschaft betrat er kühn das Haus, um nach Mitternacht das böse Gesindel auszuteiben. Man fand ihn zwar am nächsten Morgen noch lebend vor, doch bot er der neugierig zusammenströmenden Menge ein gar grausiges Bild. Einem wilden Tiere gleich verrenkte er Arme und Beine unter höllischen Flüchen. Der Wahn hatte von ihm Besitz ergriffen und wie von mehreren Dämonen geplagt krümmte er sich auf widernatürliche weise auf dem Erdboden. Wie es schien hatten die Geister des Hauses ein williges Opfer gefunden und in seinem Leib neu Wohnstatt genommen. So zog nun der geschundene Körper des Teufelaustreibers  durch die Vorstadt und setzte mit seinem Erscheinen die Vorstadt in Angst und Schrecken. Je länger er in Basel seine unseligen Bahnen zog, um so mehr verlor er von seiner menschlichen Gestalt und wurde einem Tiere gleich. Als schwarzen Hund, als Schwein oder Kalb, sogar als Drache wollen ihn die Zeitgenossen beschrieben haben. Sogar unsichtbar konnte er sich dank seiner dämonischen Besessenheit machen. Und immer dann, wenn jemand ohne ersichtlichen Grund stolperte, so gab man ihm die Schuld. «Spalentier» so ward er bald in der ganzen Stadt genannt. Wehe dem, der seinen plumpen Schritt, vernahm oder sein Gebrüll – grosses Unglück stand bevor. Versuchte man etwa, dem Tier bewusst aufzulauern, um es etwas genauer in Augenschein zu nehmen, so schwollen dem Betrachter bei seinem Anblick sogleich die Backen an. Ein besonders mutiger Anwohner, der versuchte dem Spalentier hinter dem geschlossenen Fensterladen abzupassen, musste dies bitter bezahlen, als ihm der ganze Kopf derart anschwoll, dass er im Fensterrahmen stecken blieb. Erst die Säge des Schreiners befreite den Tollkühnen!
  
Glaubt man den althergebrachten Geschichten und vernimmt dann in der Tat den Gestank von Urin, so hat es fast den Anschein, als ob das Spalentier auch diesen Sommer wieder seine Runden dreht. Seien Sie also auf der Hut!

 
Hinweislaterne vor dem öffentlichen Pissoir am Schlüsselberg
Bild: Christian Rieder • © VISIT BASEL AG
 

Weitere Informationen

Besuch des Spalentors

 

Suchen Sie das Spalentier? Von hier aus begeben Sie sich idealerweise auf seine Spuren!

 

► Details zum Spalentor

  

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Adriano Brun und Corinne Grond unterhalten innerhalb ihrer «Sonnenschauer Projekte» einen superpraktischen Online-WC-Guide. Es handelt sich dabei um das grösste Verzeichnis öffentlicher Toiletten in der Schweiz. Sicher empfehlenswert auch die iPhone- resp. Android-Apps, welche sich kostenlos downloaden lassen.
 
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Literaturhinweise

  

Gerber, Kurt: Basler Sagen
Reinhardt F.; 2006; Gebunden; 191 S.
 
Die «Basler Sagen» sind erhältlich bei
 
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► Online bestellen

 
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