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Der Hahn muss sterben!

Basiliskenskulptur im Historischen Museum Basel in der Barfüsserkirche
Bild: Christian Rieder • © VISIT BASEL AG
 

Der Hahn muss sterben!

►Artikel von Mike Stoll. 31. August 2012

 

Im Jahre 1474 wird in der Gerbergasse ein schwarzer, elfjähriger Hahn aufgegriffen. Die Basler Bürger werfen ihm vor, am helllichten Tage mitten auf der Gasse ein Ei gelegt zu haben. Dem armen Federvieh wird der Prozess gemacht, und der einhellige Urteilsspruch lautet sodann: Tod durch Enthauptung!
 
Hört man in Basel solcherlei Geschichten – und glauben Sie mir, solche Geschichten gibt es in dieser Stadt zu Hauf – so ist der moderne Stadtbesucher natürlich versucht zu glauben, dass die Basler wieder einmal anders resp. nicht ganz richtig ticken. «Einen Hahn zum Tod verurteilen, wo gibt’s denn so was! Und seit wann legt männliches Federvier überhaupt Eier! So was Blödsinniges kann ja nur den Baslern einfallen!», würden gewiss nicht nur die Zürcher denken.
 
Doch mit Narretei und Irrsinn hat solcherlei Gebaren im Mittelalter und der frühen Neuzeit nichts zu tun. Nicht nur in Basel konnte in diesen, uns so rohen Zeiten Getier aller Gattungen verklagt und verurteilt werden, wenn es Menschenleben gefährdet hatte. So findet sich im biblischen Buch Exodus folgende Vorlage, auf die man sich in Prozessen rund um Tiere berufen konnte:
 
«Wenn ein Ochse einen Mann oder ein Weib stösst, dass sie sterben, so soll man den Ochsen steinigen und sein Fleisch nicht essen; so ist der Herr des Ochsen unschuldig. Ist aber der Ochse zuvor stössig gewesen, und seinem Herrn ist's angesagt, und hat ihn nicht verwahrt, und er tötet darüber einen Mann oder ein Weib, so soll man den Ochsen steinigen, und sein Herr soll sterben. Wird man aber ein Lösegeld auf ihn legen, so soll er geben, sein Leben zu lösen, was man ihm auflegt. Desgleichen soll man mit ihm handeln, wenn er Sohn oder Tochter stösst. Stösst er aber einen Knecht oder eine Magd, so soll er ihrem Herrn dreissig Silberlinge geben, und den Ochsen soll man steinigen.» Ex. 21, 28-32
 
Kurz und bündig hiess dies im mittelalterlichen Rechtsverständnis, sollte ein Mensch durch ein Tier zu Schaden kommen, so ist dieses Tier zu töten. Auch bei Tieren scheint somit das biblische Talionsgesetz zu greifen, wonach «Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuss um Fuss, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule» vergolten wird (Ex. 21, 23-25). Vom Schaden an Leib und Leben hat man dann die Vergeltung am Tier bei materiellem Schaden ganz einfach abgeleitet. So konnten zum Beispiel auch nachlässige Wachhunde verurteilt werden, sollten sie Haus und Hof bei einem Einbruch nicht hinreichend verteidigt haben. Oder wie in Basel belegt sandte der Stadtrat bei einer horrenden Mäuseplage einen Herold ins Kornhaus, welcher den gefrässigen Nagetieren ein entsprechendes Ultimatum zu verlesen hatte. Sollten die Mäuse das Lagerhaus nicht bis zur gesetzten Frist verlassen haben, so würden auch sie dem Tod verfallen sein.

 

So gesehen ist es im Grunde also nichts Besonderes, wenn in Basel 1474 ein schwarzer Hahn zum Tod verurteilt wird. Lediglich die Umstände, die schlussendlich zu seiner Hinrichtung geführt haben, geben zu denken. So können wir über dieses wundersame Ereignis in den Basler Chroniken (2, 102) nachlesen:

 

«Vom Hahn, der ein Ei legte. Im Jahre des Herrn 1474 am Donnerstag, dem vierten Tag des Monats August, war in der Stadt Basel dieser Hahn von elf Jahren, welcher legte und ein längliches Ei hervorbrachte. Besagter Hahn wurde dem Henker mit dem Ei übergeben, und zuerst wurde der Kopf abgeschnitten. Als er danach ausgenommen wurde, waren in ihm zwei weitere Eier, welche zusammen mit allem anderen beim Haus des Henkers auf dem Kohleberg verbrannt wurden, viele Leute waren dabei zugegen.» (aus dem Lateinischen übersetzt) 

 
Verständig, wie wir nun sind, müssen wir nur nach dem Schaden an Basler Leib und Gut suchen, um die rasche Urteilsvollstreckung zu verstehen. Doch was sollte da so ein Hahnenei schon Leben und Besitz in unserer Stadt gefährden? Auf den ersten Blick erscheint dieser Vorfall in der Tat recht harmlos – zumindest für moderne Gutachter. Denn wir wissen heute einfach nicht – oder besser gesagt: nicht mehr – was für Gefahren in solch einem widernatürlichen Ei schlummern können! 

 

Fragen wir nämlich die Gelehrten dieser wundervollen Zeit, so erfahren wir, dass sich die gefährliche Gattung der Basilisken nicht etwa fortpflanzt wie sonst Getier auf Erden – wenn ein hübsches Weibchen und ein strammes Männchen zusammen in die Höhle kriechen – nein, Basilisken vermehren sich gemäss des deutschen Universalgelehrten Georgius Agricola (1494–1555), indem sie «… aus den Eiern eines Vogels, den die Ägypter Ibis nennen, entstehen. Das gemeine Volk glaubt, dass es aus einem Ei entstehe, welches widernatürlicherweise ein Hahn gelegt habe.» Die berühmte Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179) scheint zudem in ihrer Schrift «Krankheiten und ihre Heilungen» noch auf einen allfälligen Geburtshelfer zu verweisen, wenn sie uns überliefert, dass ein Basilisk aus solch einem Ei schlüpfen könnte, wenn es zuvor nur von einer Kröte ausgebrütet werde. Der geschwätzige Volksmund ergänzte dieses Wissen noch um den Umstand, dass das Hahnenei bedingtermassen noch auf Rossmist liegen müsse, wenn es von der Kröte besprungen werde, erst dann würde mit Gewissheit ein Basilisk daraus schlüpfen.

 

Wie dem nun auch im Detail immer sei, genau dieses Ereignis fürchteten unsere belesenen Basler Bürger und von grösster Sorge getrieben, gedachten sie den Worten Plinius des Älteren (23–79)  in seiner Naturgeschichte:

 

«Dieselbe Kraft [tödlicher Blick] besitzt auch der Basilisk, eine Schlangenart; er lebt in der cyrenaischen Provinz (= Libyen), ist nicht über zwölf Digitus (= Finger) lang, und hat am Kopf einen weissen Fleck, der ihn gleichsam wie ein Diadem schmückt. Durch sein Zischen verjagt er alle Schlangen. Er bewegt sich nicht, wie die übrigen, durch vielfache Windungen des ganzen Leibes, sondern geht zur Hälfte aufgerichtet umher. Er vergiftet die Sträucher nicht bloss durch seine Berührungen, sondern auch durch seinen Hauch, verdorrt die Kräuter und sprengt Felsen. Solche schädliche Wirkung hat seine Kraft! Ehemals glaubte man, dass, wenn jemand zu Pferde ihn mit einem Spiesse getötet habe, das Gift an dem Spiess hinauf dringe, und nicht nur der Reiter, sondern auch das Pferd davon sterben müsse.» Nat. hist. VIII, 33 (Übersetzung nach Wittstein 2007)

 

Ergänzend fügte der römische Naturgelehrte dann noch folgende Schreckensbotschaft hinzu:

 

«Von dem Basilisken, vor dem sogar die Schlangen fliehen, der schon durch seinen Hauch, ja den Menschen, wenn er ihn nur ansieht, töten soll… » Nat. hist. XXIX (Übersetzung nach Wittstein 2007)

 

Wie wir nun verstehen, rechneten die damaligen Bewohner mit dem Schlimmsten! Nichts Geringeres als ums nackte Leben, ja sogar den Fortbestand der ganzen Stadt musste man fürchten und bereitete deshalb notgedrungen diesem armen Hahn ein jähes Ende. Der Henker von Basel, passend auch «Kopfabheini» genannt (diese bildhafte Bezeichnung bezog sich ursprünglich auf den Richtplatz), erlöste das arme Federvieh und mit ihm die ganze Stadt von ihren Qualen.

 

Da sich besagter Vorfall in der Gerbergasse ereignet haben soll, braucht man sich dann auch nicht mehr zu wundern, wenn die Wohnstadt des Basilisken just im Gerberlochbrunnen zu liegen kommt (siehe meinen Artikel zum ► Gerberlochbrunnen), und er in jener Zeit als tauglicher Wappenhalter unserer Stadt den läppischen Löwen aus diesem Amt verdrängt!

 

Bleibt zum Schluss noch anzumerken, dass sich die Basler bis anhin keinen Deut um die Frage scherten, ob denn überhaupt ein männlich Wesen je in der Lage sei, ein Ei zu legen. Aber eben! Alles wissen auch die gescheiten Basler nicht!

 

Weitere Informationen

Literaturhinweise

 

Guggenbühl D: Mit Tieren und Teufeln
Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal; 2002; Gebunden

 

«Mit Tieren und Teufeln» ist erhältlich bei

 

► Buchhandlung Bider & Tanner
Online bestellen 

  

Hofmeier T: Basles Ungeheuer. Eine kleine Basiliskenkunde
Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin & Basel, Berlin; 2009; Geheftet
 
Die «kleine Basiliskenkunde» ist erhältlich bei

 

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Lienhard C: Basler Basilisken
Von der Entstehung im 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Spalentor Verlag AG, Basel; 2003; Gebunden

 

Die «Basler Basilisken» sind erhältlich bei

 
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