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Basel; die Wildsau-Stadt

Wildschwein
Bild © VISIT BASEL AG
 

Basel; die Wildsau-Stadt

►Artikel von Christian Rieder. 4. September 2014

 

Unsere Wälder sind voll von Schwarzkitteln, unglaublich schlaue Viecher, die selbst die Jäger zum Narren halten. Basel, eingebettet in eine der wildsaureichsten Regionen der Welt, hat aber Zeit ihrer Geschichte eine ganz besondere Beziehung zu den borstigen Waldbewohnern, schon in der Keltenzeit, ganz besonders aber damals, als die wackern Ritter durch unsere Wälder klapperten. Die Wildsau-Affinität fällt dem aufmerksamen Stadtbesucher schon mal gerne auf, dem Sonntagsspaziergänger in unseren Wäldern wohl etwas weniger …!  

 

Ja, was gibt es denn Schöneres, als einen Spaziergang durch die fantastischen Wälder, welche sich wie ein Paradies um Basel legen. Glauben Sie aber bloss nicht, dass Sie auf Ihrem sonntäglichen Marsch unbeobachtet wären, auch wenn der letzte gekreuzte Spaziergänger schon eine Viertelstunde her ist. Die Schwarzkittel haben Sie genauestens im Auge – oder vielleicht besser formuliert in der Nase – respektive in den Ohren. Die Sau riecht Spaziergänger, problemlos auch über ein paar hundert Meter. Tja, die Sauen harren regungslos im Dickicht, bis Sie an ihnen vorüber spaziert sind. Vorausgesetzt Sie verlassen den Spazier- respektive Wanderweg nicht, sind Sie aber ziemlich sicher – es sei denn, Ihr vierbeiniger Freund begleitet Sie, dann könnte es Stress geben (was die Sau, Ihren Hund und Sie selbst betrifft). Ob Sie es glauben oder nicht, die Schwarzkittel haben die Hetzjagd nicht aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Hunde sind für sie «Sauhunde» (die heissen tatsächlich so, teilweise auch «Saupacker» genannt). Die Wildschweinhatz mit Pferd und Jagdhunden war lange übliche Jagdweise, gerade im 17. Jahrhundert. Aufgabe der zuweilen mit breiten Halsbändern oder sogar Panzerhemden geschützten Hunde war es, das Wildschwein so lange zu hetzen, bis es ermüdete und es dann an einem Ort festzuhalten, bis der Jäger es aus naher Entfernung tötete. Bei diesen Sauhatzen wurden aber regelmässig Menschen, Pferde und Hunde durch angreifende Wildschweine schwer und mitunter tödlich verletzt. Und eben, die Sauen haben die Hatz nicht vergessen (fragen Sie uns bitte nicht wie das möglich ist, aber es ist tatsächlich so). Die Rache der Schwarzkittel, wenn man so will ...

 

Greift Sie ein Wildschwein an, ja dann haben Sie im wahrsten Sinne des Wortes ein grösseres Problem. Eine Bache bringt doch 150 kg auf die Waage, ein Keiler gegen 200. Kommt dazu, dass die Schwarzkittel gut gerne eine Schulterhöhe von einem Meter haben und problemlos über anderthalb Meter lang sind. Mühsam können die Bachen werden, in dem sie zubeissen. Das ist zwar unangenehm, aber nicht gefährlich, vorausgesetzt das Tier verbeisst sich nicht, was es mit einer Gewehrkugel im Hinterteil aber schon mal in Erwägung ziehen könnte. Die Begegnung mit einem Männchen dagegen kann lebensgefährlich sein: Die Keiler versuchen Sie umzuschmeissen. Vor allem aber haben sie rasierklingenscharfe Zähne. Obere und untere Zahnreihe reiben  gegeneinander, wodurch das Gebiss ständig geschärft wirft. Aufgeschlitzt werden vorzugsweise des Wanderers Beine. Solche Übergriffe sind aber höchst selten, und Sie müssen sich schon ziemlich ungeschickt anstellen, damit es soweit kommt (lassen Sie sich nicht beim Klauen eines der putzigen gestreiften Frischlinge erwischen – Mama-Sau ist ziemlich aufmerksam). Wildschweine halten von sich aus Distanz. Und für den unwahrscheinlichen Fall einer Konfrontation gilt: Keine hektischen Bewegungen machen und langsam entfernen. Zu Ihrer Beruhigung: Die Sauen werden keine Verfolgung aufnehmen, auch wenn sie deutlich schneller wären als Sie (und darüber hinaus bemerkenswert gute Schwimmer). Kurzum, bleiben Sie auf übersichtlichen Wegen!
 
Grundsätzlich ist es aber eher eine Kunst, ein Wildschwein oder eine ganze Rotte überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Die Viecher verpennen einen grossen Teil des Tages. Ausgewählt werden dafür gerne spezielle Ruheplätze im dichten Unterwuchs (im Sommer bleiben sie zuweilen auch in Getreidefeldern), die sowohl einzeln als auch gemeinsam genutzt werden, aber in der Regel jeden Tag neu eingerichtet werden. Dösende Wildschweine liegen meist mit gestreckten Beinen, indem sie entweder auf dem Bauch ruhen und die Vorder- und Hinterbeine nach vorne oder hinten ausstrecken. Typisch ist auch die Seitenlage, bei denen die Beine im rechten Winkel abgestreckt sind. Treffen Sie auf ein solches Tier, dann ist es nicht tot, sondern träumt von reichem Eichelsegen. Streicheln verboten! 

 

Soweit, so gut. Denkt aber der Autor über Wildschweine und deren Bezug zu Basel nach, so taucht ihm weniger der Waldspaziergang vor dem geistigen Auge auf, sondern einerseits eher die Familie Eberle, respektive deren Familienwappen mit rotem Eberkopf und silbernem Gewaff (Eckzähne), andererseits eine doch in unserer Gegend ziemlich bekannte Ritterfamilie mit dem viel versprechenden Namen Reich von Reichenstein. Dazu nun mehr:

 

Nun, zuerst zu den Eberles, ursprünglich einem jüdischem Geschlecht aus Colmar, das 1362 erstmals in Basel erwähnt wird, zumindest wenn man den Ausführungen im Historischen Lexikon der Schweiz folgt. Dann lesen wir, dass ein Mathis Eberle 1377 wegen angeblicher Blasphemie aus der Stadt gewiesen wurde. Dessen Sohn Mathis (II., † 1437) wurde 1393 bei seiner Rückkehr als Christ ins Basler Bürgerrecht aufgenommen und 1404 Zunftmeister zum Schlüssel sowie Ratsherr. Er heiratete die Witwe von Hermann Schlegel, genannt Grünenzweig; dieser Name ging in der Folge auf die Familie Eberle über, deren Angehörige in Zünften und Räten bedeutende Stellungen erreichten. Mathis (III., der Sohn Mathis' II.), Ratsherr zu Weinleuten, war 1444 Oberbefehlshaber der eidgenössischen Besatzung in Rheinfelden. Der Junker Mathis († 1502), ein Neffe von Mathis II., fungierte als Ratsherr und Meister der Schlüsselzunft, Achtburger auf der Hohen Stube sowie als Herr zu Hiltalingen (heute Haltingen). Junker Mathis war als grosser Förderer der Kunst bekannt und ging als solcher auch in die Geschichte ein, stiftete er doch die Grabkapelle der Eberles in der Peterskirche, welche zwar selbst den Baslerinnen und Basler in der Regel unbekannt ist – schade eigentlich …!
 
Dieser Junker Mathis interessiert den Autoren deshalb besonders, da er mit seinem Lebenswandel der Heraldik durchaus gerecht zu werden scheint: der Wildsau. Also, schauen wir uns den Kerl, der einem ziemlich kriegerischen Geschlecht entspross, genauer an und zitieren dafür aus dem Aufsatz von August Burckhardt aus dem Jahr 1933: «[…] Schon 1424 war sein Grossvater Mathis Eberler als Pannerherr mitgezogen, als die Basler im Verein mit den elsässischen Reichsstädten der verbündeten Katharina von Burgund gegen den in der Nähe von Altkirch stehenden Prinzen von Orange zu Hilfe zogen. Bei dem abenteuerlichen Zweikampf auf dem Münsterplatz (12. Dezember 1428) zwischen dem Spanier Johann von Merlo und Heinrich von Ramstein hielt er das Stadtpanner. Eberlers Vater Heinrich und sein Onkel Mathis hatten beide an einem der zahlreichen Hussitenkriege teilgenommen. Freilich auch Gewalttätigkeit und Jähzorn hatte Mathias von seinen Vorfahren geerbt. «Mathias Eberler der jung» – zur Unterscheidung von seinem ungefähr gleichaltrigen, aber etwas ältern Vetter Mathias Eberler dem ältern, zubenannt «zum Agtstein» – ist um 1440 in seinem väterlichen Hause «zum Hasen» auf dem Marktplatz geboren, in dem Hause, wo später ein anderer Förderer der Kunst, Bürgermeister Jakob Meyer, gewohnt hat. Seinen Vater hat er schon mit acht Jahren verloren, daher er denn schon frühzeitig in den Besitz eines grossen Vermögens gelangte. 1461 heiratete er eine reiche kinderlose Witwe, Barbara Hafengiesser, die vor ihm mit dem bekannten, 1454 verstorbenen Oberstzunftmeister Andreas Ospernell und dem Junker Jerg zu Sunnen verheiratet war. Sie war damals bereits vierzig Jahre alt. Auch Eberlers Ehe ist kinderlos geblieben. 1468 zieht er ins Kleinbasel, wo er das Haus «zum Igel» bewohnt. Noch im Steuerregister von 1475 wird er unter den Kleinbaslern aufgeführt und versteuerte damals als einer der reichsten Einwohner der Stadt 7100 Gulden. Einen lehrreichen und interessanten Einblick in die Art und Weise, wie er sein Vermögen anlegte, erhalten wir durch die Mitteilung, dass er schon im Jahre 1462 neben seinem Stiefvater, Friedrich Tichtler, unter den Hauptgläubigern des Basler Bischofs Johannes von Venningen erscheint, dem er damals in zwei Raten 1400 Gulden vorstreckte, wofür die Städte Delsberg und Laufen ihm Bürgschaft leisten mussten, 1472 kam dann noch St. Ursanne dazu. 1477 erwirbt er von den Sürlin das Haus zum Engel am Nadelberg, das nun sein bleibender Sitz wird, daher er denn von da an als «Mathis Eberler zum Engel» in den Akten erscheint. 1488 erwarb er dazu noch die grosse Liegenschaft «zum Sessel», um den seinem Hause gegenüberliegenden Garten zum Engelhof ziehen zu können. Das Haus selbst hat er nie bewohnt, sondern weitervermietet. Merkwürdig spät finden wir Eberler in den Ämtern: 1480 wurde er Sechser, 1484 Meister und 1492 Ratsherr zum Schlüssel, ausserdem ist er 1488 als Statthalter des damals von der Stadt abwesenden Oberstzunftmeisters Junker Thomas Sürlin bezeugt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre er mit der Zeit noch zum Oberstzunftmeister und damit in das eigentliche Regiment emporgerückt, wenn er sich nicht von seiner alten Gewalttätigkeit hätte mitreissen lassen.
 
Schon 1476 war Eberler wegen des ersten Testaments seiner Gattin mit dem Rat in Konflikt geraten und gefangen gesetzt worden. Der Vorfall möchte vergessen sein. Als nun aber Barbara Hafengiesser anfangs 1491 «by sibenzig iaren alt» starb, gab das Testament, das sie wenige Tage vor ihrem Tode zu Gunsten ihres Gatten abgeschlossen hatte, Veranlassung zu einem riesigen, drei Jahre dauernden Erbschaftsprozess, in dem das ganze damalige Basel, von den Dienstboten des Eberler'schen Hauses bis zum Bürgermeister als Zeugen auftraten. Man wird seine gereizte Stimmung verstehen. Durch eine missfällige Zeugenaussage liess sich Eberler verleiten, einen armen Weberknecht, namens Andreas Kohler, dazu zu dingen, dass er jenem Zeugen einen Arm oder Schenkel abhaue. Das Gericht verstand keinen Spass. Eberler wurde ergriffen und erst gegen Urfehde und Hinterlegung einer Kaution von 500 Gulden freigelassen. Auch von seiner Ratsstelle musste er resignieren. Gestorben ist Eberler 1502, nachdem er noch 1501 eine zweite Ehe mit Margaretha von Geroldseck eingegangen war. Auch diese Ehe blieb kinderlos. Eberler hinterliess bloss fünf Bastarde, Jerg, Mathias, Bartholome, Simon und eine ungenannte Tochter, zu deren Vormund er schon im Jahre 1499 den Solothurner Schultheissen Daniel Babenberg eingesetzt hatte. Dieser verkaufte namens seiner Vogtskinder im Jahre 1506 den Engelhof und nahm die Knaben mit nach Solothurn, woselbst sie später als Erbbürger aufgenommen wurden, auch Eberlers Witwe hatte sich dorthin begeben. Der Zweitälteste der Bastarde, gleichen Namens wie der Vater, begegnet uns noch 1517 als bischöflich Baslerischer Vogt in Binzen. Damit verschwindet diese Linie des Geschlechts.

 

Der Stifter der Kapelle ist also keineswegs ein Heiliger gewesen. Aber auch die sympathischen Züge fehlen nicht. Gerade die hauptsächlichsten Zeugen im Prozesse von 1491 sagten zu seinen Gunsten aus. Das Einzige, was bestehen blieb und Eberler auch nie bestritt, war der liederliche Lebenswandel, den er im Schlösschen zu Hiltalingen führte. Hiezu erklärte Bürgermeister Hans von Bärenfels ganz offen, dass auch andere Ehemänner ausser der Ehe bei hübschen jungen Frauen Kinder zeugten, ohne dass viel Aufhebens davon gemacht werde. Zudem hatte Eberler als eine Art Rechtfertigung für sein Treiben geltend gemacht, dass Barbara zeitweise einer solchen Trunksucht unterworfen war, dass ein Zusammenleben mit ihr unmöglich wurde.

 

Die Eberlerkappelle in der im alten Wohnquartier des Basler Patriziats gelegen Peterskirche ist übrigens seit dem 2. November 1940 wieder zu besichtigen, nachdem sie zuerst wiederentdeckt werden musste. Sie besticht durch ihre besonders reichen Reste von mittelalterlicher Wandmalerei, die hier freigelegt werden konnten. Vieles, darunter unschätzbare Wandgemälde von Konrad Witz, ging aber schon vor den Reformationswirren durch Umbauten zugrunde, und auch der Bildersturm forderte hier einen für Basel ungewöhnlich hohen Tribut. Es ist das besondere Verdienst von Dr. Rudolf Riggenbach, dem damaligen Basler Denkmalpfleger (in der Stadt auch bekannt als «Dingedinge», aufgrund seiner ständigen Suche nach der richtigen Formulierung bei seinen beliebten Vorträgen [«… e Ding, e Ding …»], oder auch bekannt als «Ranzeruedi», wobei dieser Spitzname in ähnlicher Form auch auf den Autoren des vorliegenden Artikels angewendet werden könnte …) sich dieser wertvollen Reste angenommen und eine Renovation der 1474/75 an die Kirche angebauten Eberlerkapelle durchgesetzt zu haben, die vorher als Heizraum und Kohlenmagazin diente. Die mit Hilfe des Basler Arbeitsrappens und angeblich auch durch Dingedinges private Kasse durchgeführte, diskrete Wiederherstellung bereichert Basel um ein höchst wertvolles Denkmal aus seiner grössten, aristokratischen Zeit, in der das Patriziat an Prachtentfaltung mit dem ritterlichen Adel wetteiferte. 

 
Wildsaukopf im Wappen der Familie Eberler am Haus zum Engel am Nadelberg zu Basel
Bild: Christian Rieder • © VISIT BASEL AG
 

Kommen wir aber zum zweiten (wild-)schweinischen Gedanken des Autoren, dem Rittergeschlecht Reich von Reichenstein, das erstmals 1166/79 mit Rudolf Dives (lat. reich) erwähnt wird. Das Geschlecht stand im Dienste der Bischöfe von Basel, bekleidete ab dem Beginn des 13. Jahrhunderts das Amt des Kämmerers und bekam um 1250 die Burg Reichenstein bei Arlesheim vom Bischof von Basel als Lehen. Die Reich von Reichenstein waren vom 13. bis Mitte des 15. Jahrhunderts im Rat der Stadt Basel vertreten, stellten sechs Bürgermeister von Basel, einen Bischof von Basel sowie einen Rektor der hiesigen Universität. Seit dem 15. Jahrhundert traten die Familienmitglieder zunehmend in den Dienst der Habsburger und der Markgrafen von Hachberg und Baden. Der Besitz der Familie lag im Baselbiet, Sundgau und südlichen Schwarzwald und bestand aus Lehen der Herzöge von Österreich, des Bischofs von Basel und der Markgrafen von Baden. Dazu gehörten Brombach im Wiesental, Buschweiler im Elsass, Inzlingen und natürlich Reichenstein mit Arlesheim. Nach der Mitte des 15. Jahrhunderts erwarben sie die Herrschaft Landskron mit Leymen und Biederthal (Elsass), 1457 die Pfandschaft Thann sowie 1503/04 die Pfandschaft Pfirt. Die Reich von Reichenstein bleiben auch nach der Reformationszeit beim alten Glauben und zogen sich auf ihre Güter im Schwarzwald und Sundgau zurück.

 

Jetzt fragen Sie sich wohl, was die Reichs von Reichenstein mit der Wildsau zu tun haben mögen. Die Lösung ist einfach: Sie tragen eine Saufeder im Wappen! Wahrscheinlich kommt jetzt die Anschlussfrage: Was um Himmels Willen ist eine Saufeder, gebietet doch die Wildsau in unseren Wäldern Wanderer eher zu Land als aus der Luft zu attackieren. Stimmt! Die Sau hat keine Federn. Vielmehr müssen Sie als Spaziergänger die Saufeder mit sich tragen, lässt sich das Borstenvieh damit nämlich trefflich abstechen.

 

Also, die Saufeder ist im Grunde genommen ein Spiess, ein Ger (ursprüngliche Bezeichnung für den Wurfspiess oder Speer der alten Germanen), ein rund zwei Meter langer Schaft mit eiserner Spitze, wobei eben die Eisenspitze als Saufeder bezeichnet wird. Die Waffe dient zum Erlegen von Wildschweinen. Die Klinge einer traditionellen Saufeder ist immer kräftig, breit ausgearbeitet und mit dem ebenfalls kräftigen Schaft durch eine Tülle verbunden. Eine (meist aus einer Geweihstange gefertigte) Parierstange verhindert ein Durchstossen des Tieres mit der Waffe und sorgt für Sicherheitsabstand. Als Schaft wurde, um ein Brechen unwahrscheinlich zu machen, meist kein geschnittenes Holz, sondern ein speziell ausgewähltes Stämmchen verwendet; in der Regel ein Stämmchen aus bekanntlich äusserst stabilen Eschenholz. Die breite und scharfe Spitze der Saufeder soll beim Stoss in den Brustkorb (der Jäger sagt dazu «Kammer») des Tieres Herz und Hauptblutgefässe so zerstören, dass ein sofortiger Tod eintritt. Eine sehr schöne und sicherlich auch sehr effiziente Saufeder wurde archäologisch auf Burg Bischofstein im Ergolztal (bei Sissach) sichergestellt.
 
Nun, wie schon ausgeführt, ist ein ausgewachsenes Wildschwein ein gewaltiges Kraftbündel. Wenn es sich wehrt, kann es seinem Angreifer schwerste Verletzungen zufügen, welche durchaus tödlich sein können. Die Schwarzkittel starten zum Gegenangriff ab einer Entfernung von etwa zehn Schritten. Keiler (männliche Tiere) reissen dabei dem Gegner mit ihrem Gewaff die Beine auf, wobei durch Zerfetzen von Schlagadern der Tod meist innerhalb von wenigen Minuten eintritt. Bachen, also weibliche Tiere, beissen und lassen nicht ab, bis der Jäger tot ist. Es galt durchaus als königliche Mutprobe, sich nur mit der Saufeder auf Wildschweinjagd zu begeben. Die erfolgreiche Jagd Karls des Grossen auf einen Keiler wird dementsprechend auch in der St. Galler Handschrift Carolus Magnus et Papa Leo aus dem Jahre 799 gewürdigt.

 

Tja, und jetzt raten Sie mal, weshalb die Reichs von Reichenstein die Saufeder im Wappen tragen …! Sie glauben das mit der Saufeder nicht? Na dann machen Sie sich mal auf ins Basler Münster. Hier liegt nämlich Peter Reich von Reichstein begraben. Peter wird erstmalig 1258 als Domherr in Basel erwähnt. Wir wissen, dass er ab 1264 Archidiakon am Basler Münster war, 1272 Chorherr in Saint-Ursanne und 1274 Leutpriester zu St. Theodor in Kleinbasel. 1274 wählte ihn das Domkapitel zum Bischof von Basel, jedoch verweigerte ihm Papst Gregor X. die Bestätigung und ernannte ihn stattdessen zum Dompropst in Mainz (Bischof in Basel wurde Heinrich von Isny). 1278/79 studierte Peter in Bologna, 1286 folgte die Wahl zum Erzbischof von Mainz; jedoch verweigerte ihm Papst Honorius IV. die Ernennung (Erzbischof wurde Heinrich von Isny). Peter wurde stattdessen doch noch zum Bischof von Basel ernannt. In seiner Amtszeit förderte er den Ausbau des Münsters, gewährte den Bürgern von Delsberg und Laufen die Rechte und Freiheiten der Basler Bürger und bestätigte den Basler Zünften ihre hergebrachten Rechte. Im Konflikt mit Rainald von Mömpelgard unterstützte ihn 1289 König Rudolf I., Peter wiederum unterstützte König Adolf von Nassau 1293 bei der Belagerung von Colmar. Also gut, jetzt wissen Sie auch wer Peter Reich von Reichstein war. Aber um das geht’s ja nicht. Nun, des Pudels Kern ist, dass Sie im Basler Münster eine Gedenktafel finden, die uns an eben diesen Bischof Peter Reich erinnert. Sie trägt sein Wappen, in vier Felder unterteilt: Zum einen zweimal den (noch roten) Stab des Bistums Basel, zum anderen zweimal die Saufeder (!) aus dem Familienwappen der Reich. Also, Beweis erbracht. Aber damit nicht genug, auch andere Rittergeschlechter rund um Basel trugen die Saufeder im Wappen, die Vitztum zum Beispiel – und die Macerel. Und wenn Sie jetzt tatsächlich Einwohner von Inzlingen sind, der Gemeinde an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz bei Riehen, ja dann reklamieren Sie zu recht. Auch das Wappen von Inzlingen zeigt in gespaltenem Schild vorne in Gold einen roten Schrägbalken (badischer Schrägbalken), hinten in Gold eine aufrechte schwarze – Sie ahnen es schon – Saufeder. Und wenn Sie jetzt den Artikel aufmerksam gelesen haben, dann wüssten Sie auch weshalb …!

 

Sie sehen schon, dem Wildschweine war man zur Ritterzeit rund um Basel keineswegs abgeneigt (ein gutes Drittel des Fleischbedarfs auf den Burgen rund um Basel wurde durch Wildbret gedeckt). Aber bereits früher, ja viel früher, tat man sich an den Sauen gütlich. So haben wir auf Münsterhügel Wildschweinknochenfunde, die wir um 50 v. Chr. datieren können, in die Zeit also der keltischen Rauriker. Asterix und Obelix lassen grüssen!

 

Und dann gibt es noch jene, die sogar noch weiter gehen, ja sogar den Stadtnamen Basel mit den keltischen Wildsauen in Verbindung bringen. Ganz abwegig ist das Ganze nicht mal, wissen wir von unseren keltischen Vorfahren, dass sie die Wildsau nicht nur verspeist, sondern auch verehrt haben. Gut möglich, dass auf dem Münsterhügel sogar Wildsauen in Gefangenschaft gelebt haben. Könnte sich hinter dem Stadtnamen Basel eventuell ein Begriff keltischen Ursprungs verbergen, wie heutzutage manche Sprachhistoriker behaupten (auch wenn der Knackpunkt darin liegt, die korrekte Wurzel des Wortes herauszuschälen, da die Sprache der alten Kelten nach wie vor mehr Geheimnisse birgt, als sie preis gibt)? Basios-ill = Eber-Wasser, Eberbach, Eberfurt, Ebersuhle. Es wäre zumindest denkbar, dass man nach diesem vor Kraft strotzenden Tier eine aufstrebende Siedlung am Wasser (vgl. die Ortsnamen Eberbach und Ebersbach) benennt. Lesenwert dazu ist sicher der ► Artikel zum Ursprung des Stadtnamens von Mike Stoll. Basel, die Wildsau-Stadt?

 

Und wie sieht es heute aus, ist Basel heute eine Wildsau-Stadt, die Region eine Wildsau-Region? Aber sicher! Und wie! Das war aber nicht immer so. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Schwarzkittel in unserer Region praktisch ausgerottet, in Baden-Würtemberg war dies sogar tatsächlich der Fall. Heute sind die Sauen zurück. Alleine die Nordwestschweiz dürfte von rund 2000 Wildschweinen unsicher gemacht werden, das ist ein gutes Drittel des gesamten Bestandes der Schweiz. Und auch der Schwarzwald ist voll davon – und der Jura auch, die Vogesen ebenso ...! Grund dafür ist aber, folgt man neueren Forschungsergebnissen, wohl nicht die explosionsartige Entwicklung der Maisanbauflächen, auch wenn dies naheliegend wäre. Prof. Dr. Walter Arnold vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien formuliert das wie folgt: «Die veränderten Lebensbedingungen in der Kulturlandschaft bescheren dem Schwarzwild einen reich gedeckten Tisch und sind in der Lage, die regulierende Wirkung natürlicher Nahrungsengpässe auszusetzen. Besonders dem Maisanbau könnte hierbei entscheidende Bedeutung zukommen. Wie jeder Praktiker weiss, liebt Schwarzwild ganz besonders Mais und auf den ersten Blick zeigt die Zunahme der Maisanbauflächen in der Landwirtschaft und die Zunahme des Schwarzwildes tatsächlich eine verblüffende Parallelität.»

 

Betrachtet man sich die Situation in Österreich, wo bis etwa 1985 mehr und mehr Mais angebaut wurde und auch die Schwarzwildabschüsse stetig zunahmen, passt das Bild später nicht mehr. Der Maisanbau in Österreich wurde nach 1985 von Jahr zu Jahr weniger, mit der Zunahme des Schwarzwildes ging es dann jedoch erst richtig los. Weitere Belege aus Deutschland stützen diese These, dass der Wildschweinbestand nicht, oder höchsten zu einem Teil, mit der Maisanbaufläche in Zusammenhang gebracht werden kann. Arnold: «Die enorme Zunahme des Schwarzwildes ist ein europaweites Phänomen, das wesentlich durch die Klimaerwärmung angeheizt wird. Grossflächig umgebrochene Wiesen und Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen erinnern uns besonders in den letzten Monaten des Jahres eindrücklich daran, dass es Schwarzwild heute in einer Dichte gibt, die noch vor 20 Jahren völlig undenkbar schien. Selbst für Nichtjäger und damit für eine breite Öffentlichkeit ist mittlerweile unübersehbar, dass Wildschweine in so hoher Zahl in unseren heimischen Wäldern und Fluren leben wie seit Menschengedenken nicht.» Die Bauern haben definitiv ein echtes Problem. Ein Vorteil ist aber trotzdem zu erkennen: Die Wildschweine werden wieder bejaget – und wie! Und so findet das köstliche Fleisch den Weg auf unsere Tische. Uns freut’s! In diesem Sinne, Waidmanns Heil!

 

Weitere Informationen

Wildschweindarstellungen in Basel

 

Besonders sehenswert ist die so genannte Eberlerkapelle in der Peterskirche mit ihren unzähligen Darstellungen von Wildschweinen (dem Famlienwappen).

 

► Details zur Peterskirche

 

Die Gedenktafel von Bischof Peter Reich finden Sie im Basler Münster. Sie zeigt zum einen zweimal den (noch roten) Stab des Bistums Basel, zum anderen zweimal die Saufeder aus dem Familienwappen der Reich.

 

► Details zum Basler Münster

 

Sicherlich «spannend» ist auch der Wildschweinkopf (ebenfalls aus dem Familienwappen der Eberle) am Haus zum Engel am Nadelberg.

 

Lageplan Haus zum Engel (Google)

 
 
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