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Der Basler Entdeckungsreisende Samuel Braun

Bild: Wikimedia Foundation
Portugiesen und Holländer stehen sich auf der Goldküste feindselig gegenüber. Festung Nassau (Mouri) war ab 1612 der hiesige Hauptstützpunkt der Holländer. Daneben findet aber auch friedlicher Handel mit den Einheimischen statt neben kriegerischen Ha
 

Der Basler Entdeckungsreisende Samuel Braun

►Artikel von Christian Rieder. 25. Februar 2016

 

Samuel Braun. Selbst den Baslerinnen und Baslern mit vertieftem Interesse an Geschichte ist er erstaunlicherweise meist unbekannt. Samuel Braun? Ja! Dieser Basler ist dem doch faszinierenden Kreis der botanisierenden Schiffsärzte zuzuordnen. Anfang des 17. Jahrhunderts lernte er während zehn Jahren auf insgesamt fünf Seereisen die Westküste Afrikas von Sierra Leone bis zur Kongomündung und das Mittelmeer kennen. Soweit so gut. Richtig Aufsehen erregte der Basler dann aber erst 1624, als er seinen Reisebericht «Schiffarten: Welche er in etliche newe Länder vnd Insulen gethan» veröffentlichte – oder genau genommen noch viel später …! 

 

Werfen wir einen Blick auf Samuel Braun, dann bewegen wir uns mitten in der Phase der europäischen Expension im frühen 17. Jahrhundert. Schon im 15. Jahrhundert jedoch begann die allmähliche politische Ausweitung der Herrschaft europäischer Staaten mit den Entdeckungsfahrten der Portugiesen nach Afrika und der Spanier nach Amerika. Die Schifffahrt stand dabei – logisch – im Mittelpunkt. Und so streckten die europäischen Staaten allmählich ihre Hände nach weiten Teilen Afrikas, Amerikas, Asiens, Australiens und Ozeaniens aus, zuweilen sehr gewaltsam. Höhepunkt und Ende fand die Expansion dann mit dem Kolonialismus und Imperialismus der europäischen Mächte im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Blicken wir aber zurück in die Zeit des Samuel Braun:
 
Von all den vielen Seereisen, die in dieser Zeit unternommen wurden, sind Berichte wissenschaftlicher Natur nur spärlich vorhanden. Die Unternehmungen waren entweder Handels- oder Kriegsfahrten. Ihre Teilnehmer hatten, geleitet von anderen Interessen, nicht die Absicht, länder- und völkerkundliche Nachrichten nach Hause zu bringen. Nur einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, wenn sich einer der Teilnehmer dazu verstand, kurze Aufzeichnungen zu machen, in denen aber die wissenschaftliche Ausbeute nur gering zu sein pflegt. Einer, der nicht nur das Beobachten vorzüglich verstand, sondern seine Erfahrungen dann gar verwertbar niederschrieb, war eben dieser Samuel Braun. Eine Ausnahme und gerade deshalb interessant!
 
Der Basler Wollweber Leonhard Braun und seine Gattin Anna konnten natürlich an jenem 19. März 1590 (es gibt Quellen, die 1580 annehmen) noch nichts vom inhaltsvollen Leben ahnen, das ihrem Sohnemann beschieden sein würde, der an diesem Tage das Licht der Welt erblickte. Samuel Braun, so vermuten wir, wuchs in gut behüteten, protestantischen Verhältnissen auf. Nach einem Aufenthalt in Genf zur Erlernung der französischen Sprache liess er sich in der Barbier- und Schererzunft zu Basel zum Wundarzt und Chirurgen ausbilden und trat dann 1607 seine Wanderschaft an. Sie führte ihn zunächst nach der Kurpfalz, wo er als Feldscherer bei den Truppen der protestantischen Union seine chirurgischen Kenntnisse erweiterte. 1611, im Jahr als seine Mutter starb, zog er rheinabwärts nach Amsterdam und fand dort Arbeit bei einem Meister seiner Zunft, Herkules Frantzen. Er liebte es im Hafen von Amsterdam die Schiffe zu beobachten, die hier aus Ost- und Westindien, aus Afrika und den Mittelmeerländern kommend anlegten. Und schon sehr bald packte ihn das Verlangen, selbst hinauszufahren und unbekannte Länder kennenzulernen. Einen Plan dafür hatte er aber nicht. Weder hatte er die Absicht, eine Reisebeschreibung, wie sie später entstand, zu liefern, noch wollte er irgendwelchen Handelsgewinnen nacheilend in See stechen. Lediglich der Drang, Neues zu sehen und seinen Gesichtskreis zu erweitern, vielleicht auch der Wunsch, in den Ländern, von denen er so manchen wunderbaren und grausigen Bericht aus dem Munde holländischer Indien- und Afrikafahrer hörte, selbst Abenteuer zu erleben, waren die Veranlassung selbst auf Reise zu gehen. So ergriff Braun die erste Gelegenheit und nahm ein Anerbieten an, auf einem holländischen Schiff nach Ostindien zu fahren. Aber ein guter Freund warnte ihn, den Unerfahrenen, vor dem wenig seetüchtigen Schiffe, und Braun folgte dem Rat.
 
Bald schon bot sich ihm dafür eine viel bessere Gelegenheit, in die Welt hinauszukommen. Er liess sich als Wundarzt auf dem mit Tauschwaren beladenen Handelsschiff «Meermann» unter dem Kommando von Kapitän Julian Petersohn von Hoorn anwerben, das nach Westafrika fuhr. Das Auslaufen am 1. Dezember 1611 sollte der Auftakt zu seinen insgesamt fünf Reisen sein. Also, los geht’s! Zuerst lief die «Meermann» die Nordseeinsel Texel an, von wo das Schiff bei günstigem Wind am 28. Dezember Richtung Kongo ablegte. Da eine Flotte von 72 Schiffen auslief, so bürgte die Menge für die Sicherheit des einzelnen; um aber später nicht Angriffen von feindlichen Fahrzeugen ausgesetzt zu sein, verband sich Petersohn mit zwei anderen Seglern zu einer so genannten Admiralschaft: jeder Teil verpflichtete sich, dem andern im Falle der Not beizustehen. Man erkennt daran unschwer, wie gefährlich solche Reisen waren, in welchem Ausmass die andern Seemächte daran interessiert waren, die Holländer, resp. sich überhaupt gegenseitig an den jeweiligen Unternehmungen zu hindern. Die Interessen waren gewaltig. 
  
Nach neun Tagen gelangten die Schiffe in die Nähe der spanischen Küste und haben «erstlich angetroffen ein kleine Insul / der Perles genannt». Hier mussten sich offenbar alle einer mehr als gefährlichen Matrosensitte unterwerfen: Jeder, der diese Inseln noch nie passiert hatte, wurde an ein Stück Holz gebunden und dreimal ins Meer geworfen. Braun jedoch entzog sich der Prozedur durch Spenden einer Tonne Bier. Egal, interessanter ist, dass der Name «Perlesinseln» sich nirgends an der spanischen Küste findet. Andere Reiseberichte aus dieser Zeit erzählen denselben Vorgang ebenfalls an der iberischen Küste, nur heissen da die Inseln «Barrels» oder «Barlises». Darunter sind die Berlengas (Burlingsinseln) zu verstehen, kleine Felseneilande in der Nähe der Cabo Carvoeiro vor der Küste Portugals. Wie und wo auch immer, die erste Hürde war geschafft! Braun auf der «Meermann» passierte Madeira und die Kanarischen Inseln, besuchte die Kapverden und langte schliesslich, aufgrund ungünstiger Windverhältnisse erst dreieinhalb Monate nach Ablegen in Holland, 1612 am Ziel Niederguinea im Königreich von Loango (Territorium der heutigen Republik Kongo) an. Braun dürfte somit dennoch der erste Schweizer gewesen sein, der bis dato afrikanisches Territorium betreten hat! Ein freudiger Tag! Die Fahrt setzte sich dann weiter nach der Kongomündung (Grenze zu Angola) fort, wo man einen gewinnreichen Tauschhandel mit der lokalen Bevölkerung betrieb – und man blieb solange in den verschiedenen Küstenhäfen liegen, bis eine volle Ladung eingenommen war. Dann folgte, nicht ohne sich noch ein Gefecht mit spanischen Schiffen zu liefern, die Rückfahrt nach Holland. Im September 1613 war man heil zurück.
 
Nachdem sich Braun in Amsterdam von den Beschwerden dieser Reise hinlänglich erholt hatte, lief er am 31. März 1614 für eine zweite Fahrt als Schiffsarzt aus. Sein Ziel war wiederum Westafrika, dieses Mal aber Oberguinea. Der Kapitän war der gleiche, nur das Schiff war ein anderes; die «Weisse Hund». Auf der zweiten Reise sollte man weit schneller vorwärtskommen als auf der ersten. Und so gelangte man dank gutem Wind bereits nach 15 Wochen an die Quaquaküste (Zahnküste, heute Elfenbeinküste). Von da gelangte das Schiff an die ersten Orte der so genannten Goldküste, an Axim, Kap Très Puntas (Kap der drei Spitzen) und Elmina vorüber nach dem Hauptstützpunkt des holländischen Handels an der Guineaküste, dem Fort Nassau. Nach dem üblichen Salut fuhr man in den Hafen ein, musste allerdings am nächsten Tage den Ort wegen der grossen Anzahl schon anwesender Handelsschiffe wieder verlassen und richtete den Kurs auf Kormenti. Aber auch hier war wegen allzu grossen Andrangs nicht an einen günstigen Handel zu denken. Man fuhr deshalb nach Accra, dem letzten Ort, an dem man Gold einhandeln konnte. Hier blieb das Schiff sechs Wochen lang vor Anker liegen. Die Holländer wurden aber in die Streitigkeiten der lokalen Bevölkerungen verwickelt, der Handel stockte, und man hielt es für geraten, den Ort wieder zu verlassen. Nach einigem Zögern entschloss man sich, in dem wenig besuchten, fast ganz unbekannten Benin das Handelsglück zu versuchen. Der Aufenthalt scheint aber auch hier nicht von langer Dauer gewesen zu sein. Man fuhr dann weiter immer der Küste folgend ins Kamerungebiet und kam nach Gabun. Hier machte man aber ebenso nur kurze Zeit Halt, da die Bewohner als «ein bösstückisch Volk» bekannt waren, das auch den Fremden grosses Misstrauen entgegenbrachte. Das Kap Lopez war der südlichste Punkt des Festlandes, den man diesmal erreichte. Man verliess den Hafen, in der Absicht, Kongo zu erreichen, ohne sie jedoch ausführen zu können. Ein Zwischenfall konnte für die Holländer leicht verderblich werden: Ein spanisches Schiff suchte gewaltsam die Reise zu hindern, doch der Kampf blieb unentschieden, denn «die Schiff seind zu beiden seiten also zerschossen worden dass man mehr mit stopffen / dann mit dem Wind zu schaffen bekommen. Also ist man mit Schaden von einander geschieden.» Auf der «Prinzeninsel» reparierte man diesen. Wieder flott sollte es weiter gehen. Südlicher als bis zur Insel São Tomé vermochte das Schiff wegen ungünstiger Winde und Meeresströmungen aber nicht vorzudringen. Nach sechswöchigem Kreuzen entschloss sich der Kapitän, westwärts zu fahren und, wie in solchen Fällen üblich, die Küste von Oberguinea anzulaufen, um die Ladung zu vervollständigen. Man traf auf Land am Kap Mount. Das Schiff verweilte hier ungefähr vierzehn Tage und besuchte abschliessend das Kap Palmas. Überall handelte man Pfeffer und Reis ein. Bevor man die Heimreise antrat, wurde nochmals Fort Nassau angelaufen. Hierauf kam die «Weisse Hund» im Mai 1616 nach 26 Monaten Abwesenheit mehr oder weniger wohlbehalten wieder in Amsterdam an.
  
Im Hafen traf Braun aber bereits wieder ein anderes Schiff, die «Oranienbaum», die soeben in Richtung Portugal, Italien und Konstantinopel auslaufen, jedoch zuvor noch einen Arzt aufnehmen wollte. Das Mittelmeer zu bereisen und dessen Handelsplätze kennenzulernen, war ein von Braun lang gehegter Traum. Ohne sich lange zu besinnen, meldete er sich bei Kapitän Heinrich Wilhelmson Puis für diese Stellung und fuhr ab. Die Reise sollte aber einen unglücklichen Verlauf nehmen. Das Schiff geriet vor der portugiesischen Küste in einen schweren Sturm und wurde infolge dessen auf Klippen geschleudert. Die Mannschaft rettete sich in Boote und versuchte, als auch diese sanken, durch Schwimmen das Land zu erreichen. Auch Braun wurde von den Wellen an das Land getragen und kam «auffein höhe zu einen Bwerthurm vnd Castell / Gast Calles genandt.» Der Schiffbruch erfolgte also scheinbar vor dem Hafen von Lissabon in der Nähe des Leuchtturmes von Cascaes. An diesem Ort blieb er längere Zeit, hart mitgenommen vom Unglücksfall und der Pflege bedürftig, die ihm auch in sorgsamster Weise von einer «spanischen Frau / Moladin genandt» zu teil wurde. Nach drei Wochen war er soweit hergestellt, dass ihn die «Moladin» in einer Barke samt seiner «Barbierkisten», die sein Handwerkszeug enthielt und die er nur mit Mühe aus den Händen ihrer Retter wiederum gerettet hatte, nach Lissabon führen konnte. Dort wurde er von Pater Peter, einem Niederländer, der der deutschen Kapelle vorstand, «ehrlich empfangen», obgleich er angab «von Basel auss dem Schweitzerland» also Protestant zu sein. Der menschenfreundliche Pater führte Braun zum Arzt Johann Arnann von Wien, der ihn auf Kosten der Gemeinde des Paters behandelte. «Derselbige hat mir auch viel guts erzeigt / vnd mich 4. Monat lang beherbergt: welches ihm Gott vergelten wolle», schreibt Braun dankbaren Herzens. 
 
Da ihm aber das Leben in Portugal nicht gefiel, erreichte Brauns Aufenthalt in Lissabon mit dem 6. Januar 1617 sein Ende. Er hatte sich als Wundarzt von einem holländischen Kauffahrer, dem «Gülden Falck», anwerben lassen. Anfangs hatte er noch gewankt, ob er nochmals zur See gehen solle, aber die Reiselust, der gute Sold und die Erlaubnis, auf eigene Faust Handel treiben zu können, liessen bald alle Bedenken schwinden. Der Holländer bildete mit zwei Engländern und zwei Portugiesen zusammen eine Admiralschaft, die allerdings nicht von langem Bestand war. Am 9. Januar kamen am Cabo de Santa Maria fünf Piraten in Sicht, die den Kauffahrern weit überlegen waren. «Da nun der streit etwas hart anging / wichen die Portugaleser sampt den zween Engländern hinden aus / in der Meinung / sich zu salviren.» Da sie aber von den Piraten verfolgt wurden, gelang es den Holländern nach der andern Seite zu entkommen, nachdem sie ihrem einzigen Verfolger den Mast abgeschossen hatten. Den Piraten wäre gute Beute in die Hand gefallen, da die Holländer nach Brauns Angabe eine Ladung von 400’000 Dukaten Wert an Bord hatten. Am 10. Januar kam das Schiff nach Cadiz. Hier wurde es drei Wochen lang durch eine spanische Flotte unter Philipp von Savoyen aufgehalten, da es sich weigerte, an einem Zug gegen die Piraten teilzunehmen. Die Segel wurden weggenommen, um es am Entweichen zu hindern. Im Februar endlich wurde die Weiterfahrt gestattet. Man segelte durch die Strasse von Gibraltar nach dem Kap Palos an Spaniens Mittelmeerküste, von da nach der Südspitze Siziliens, dem Kap Passaro, und gelangte am Palmsonntag 1617 nach Venedig, wo man bis Pfingsten blieb. Hier bekam das Schiff Ladung nach Ortranto und Gallipoli und von da beförderte es Baumöl nach Holland. Die Heimreise trat es am 20. Juli an, segelte glücklich durch das Mittelmeer, durch den Atlantischen Ozean an den Scilly-Inseln vorbei nach Holland, wo man am 24. August 1617 «nach ausgestandenen vielen Trübsalen vnd Gefahren mit Gotteshülff wiederumb ankommend.» 
 
Samuel Braun wäre nicht Samuel Braun gewesen, hätte er seine Zukunftsplanung von seiner unglücklichen dritten Reise beeinflussen lassen. Denn nun lockte eine Anstellung als Regierungsarzt im Fort Nassau, der niederländischen Festung an der Goldküste (Ghana), die er ja bereits auf seiner zweiten Reise besuchte. Auf dem Boden des späteren Fort Nassau hatten die Niederländer bereits 1595 (oder 1598?) eine unbefestigte Faktorei (Handelsstation) für den Umschlag von Gold errichtet. Nachdem 1610 die Portugiesen diese Station attackiert und das vorgelagerte Dorf niedergebrannt hatten, sandte der König von Asebu (oder Sabou) zwei Botschafter in die Niederlande mit der Aufforderung, auf seinem Gebiet ein befestigtes Fort zu errichten. Die Niederländer folgten dieser Aufforderung, schickten direkt ein Schiff mit Handwerkern und Baumaterial und errichteten dort ihr erstes Fort an der Goldküste. Um den Portugiesen keine Chance zu geben, sich dort wiederum einzumischen, wurden die Ziegel für den Bau des Forts komplett aus den Niederlanden herangeschafft. Das Fort wurde zudem von den mit den örtlichen Anforderungen an die Bauweise wenig vertrauten Niederländern komplett nach einheimischer Manier errichtet und galt daher als extrem ungesunder, schlecht durchlüfteter Bau. Von 1612 bis 1637 (also bis zur Eroberung Elminas von den Portugiesen) war das Fort das Hauptquartier der Niederländer an der Goldküste. Nun, Braun sollte hier als Regierungsarzt zum Einsatz kommen. 
 
Im September 1617 lief Braun in Amsterdam aus. Es fuhren drei Schiffe, auf der «Gelderland» befand sich Braun. Die beiden andern Segler führten 125 Mann Soldaten zur Ablösung und Ziegelsteine nebst Kalk zum Ausbau der Festung mit. Den Oberbefehl über die Flotte führte der General Calantius. Es wurde eine stürmische und gefährliche Fahrt. Als man den Kanal passiert hatte, erfasste die Flotte ein solcher Sturm, dass man in acht Tagen (!) bis zur Höhe der Kapverden gelangte, aber ca. 180 Meilen westlich davon. «Damalen der Schiff-Patron / bey 80 jahren alt / bezeuget / dass er niemals solch schwär Wätter gesehen / als aber dieses war.» Brauns Schiff wurde von den übrigen getrennt. Der Sturm wütete fort, und alle befürchteten den Untergang, zumal das Schiff schon 28 Jahre alt war, die «gewaltige Meerschlacht / zwischen Spania vnd Barbaria in Istreto de Gibraltar / Anno 1609 besehenen / mitgemacht und im selbigen Streit gerambariert vnd zerstossen worden» war. Man dankte Gott auf den Knien, als endlich ruhiges Wetter kam. Noch ehe man die Küste von Sierra Leone erreichte, kam das Schiff in den Harmattan, einen Nordostpassat. Es «ist ein feiner guter Wind kommen auss Osten mit einem dicken Nabel. Vnd hat das Volck gesagt / die schwartzen Teuffei haben die stein gemahlen vnd zerschlagen / vns noch mehr verdriess anzuthun. Dann vnser Schiff / vud alles / was darinnen war / so roth worden / alss wenn es mit Ziegelstein were angestrichen worden».  
 
In Sierra Leone erholte man sich von den Anstrengungen der Fahrt und setzte dann die Reise nach Fort Nassau fort. Hier wurde die neue Besatzung ans Land gebracht, die abgelöste konnte sich auf der «Gelderland» einschiffen. Es waren nur noch zwanzig am Leben und auch diese waren «mehrentheils krank vnd schadhaft»; aber sie waren froh, den Ort verlassen zu können, dass sie auf die Warnungen vor dem baufälligen Schiff entgegneten, es könne ihnen nicht ärger ergehen als auf der Festung. «Wie ich dann auch hernach selbs erfahren habe», fügt Braun hinzu. Und der neuen Mannschaft sollte es in der Tat nicht besser ergehen. Innerhalb dreier Wochen waren rund 20 Leute tot und 30 erkrankten. Die Kranken teilten die gleichen Wohnräume mit den Gesunden; und diese schlechten Wohnungen, das ungewohnte Klima, und das «vnordenliche essen vnd trinken» forderten ihren Tribut. Angesichts dieser trostlosen Zustände wurde auch Braun entmutigt, und gern wäre er wieder weggefahren wie der Prediger Hermann Janson, der es aufgab, seinen Einfluss auf die rohe, zusammengewürfelte Soldateska geltend machen zu wollen. Aber er fühlte sich hier unentbehrlich. Schon lange war auch der alte Feldscher dem Klima erlegen, und so hatte es auch lange «an hülff vnd raht wegen der kranken cemanglet.» Braun aber half nach Kräften. Dieses Bewusstsein der Unentbehrlichkeit; das Entgegenkommen des Kommandanten und noch manche andere Vorteile, die er genoss, söhnten ihn bald mit seiner Lage aus. Irgendwann war aber auch das zu Ende. Über den Verlauf der Rückreise haben wir keine Kenntnis. Wir wissen nur, dass Braun im August 1620 wieder in Amsterdam eintraf.
 
Eigentlich hatte Samuel Braun nun genug vom Reisen und wollte sich nach Deutschland begeben, doch schreckte ihn die Kunde von den Wirren des irgendwann später so getauften Dreissigjährigen Krieges ab, und er nahm wiederum Dienste zur See an, auf einer holländisch-englischen Flotte von 44 Kriegsschiffen, welche gegen die Barbaresken und die französisch-spanischen Seeräuber im Mittelmeer kämpfen sollte, die in der letzten Zeit über neunzig holländische Schiffe gekapert und ausgeplündert und gegen 6000 Holländer in die Sklaverei nach Algier und Tunis verkauft hatten. Brauns Schiff, die «Edam», auch die «Schwartze Stier» genannt, bekam den Sonderauftrag, den holländischen Konsul Kornelius Pfau nach Alexandretta zu führen. Am 23. Oktober 1620 empfing Braun sein Handgeld, aber vor der Abreise, während das Schiff noch mit Proviant versorgt wurde, ging er wegen eines erkrankten Offiziers und um sich selbst noch Medikamente zu verschaffen in die Stadt zurück. Unterdessen trat aber der ersehnte Ostwind ein, und die Flotte fuhr nach Texel ab. Als Braun die Windveränderung bemerkte, eilte er nach Texel, kam aber «bey 3. stunden zu spath.» Er versuchte alles, um an Bord seines Schiffes zu kommen. Unter mancherlei Missgeschick führte ihn endlich ein Schiffer von Medemblik, Bruno Volkerson, nach Vlissingen, wo er am 18. Dezember ankam. Hier erfuhr er, dass die Flotte «in Engelland bey Doveren» liegen soll.» Er eilte über Sluis, Damme, Brügge, Ostende, Nieuport, Dünkirchen und von hier zu Schiff nach England. Am 23. Dezember erreichte er die Flotte. Es war aber schon ein «englischer Artzet vnd Balbierer» angenommen worden; da dieser aber nicht so glücklich war, eine «Barbierkiste» zu besitzen und auch jene Brauns nicht bezahlen wollte, so trat der Basler wieder an seine alte Stelle. 
 
Die gesamte Flotte stach am 27. Dezember in See und am 12. Januar 1621 durchfuhr die «Schwartze Stier» die Meerenge von Gibraltar, nachdem er sich schon vorher von der Flotte getrennt hatte. Schon bald traf man zwischen Cabo de Grata und Kap Palos auf eine grössere Handelsflotte, die sich dem holländischen Kriegsschiff anschloss. Kurz darauf kam es zu einem grösseren Kampf mit Piraten bei der Insel Formentera, wobei die  Holländer das feindliche Schiff aber vernichten konnten. Dann kam Mallorca in Sicht, darauf landete man in Sardinien. Am 7. Februar ging man mit Westwind nach Malta an der Südküste Siziliens entlang; man sah den «Monte Gibello (Ätna) des Nachts grausam brennen.» Am 12. lief das Schiff in den Hafen von Malta ein. An Zypern vorüber langte die «Schwartze Stier» am 9. März im Hafen von Alexandretta (heute Iskenderun, Türkei) an. Mit den üblichen Ehren wurde der Konsul schon kurz darauf vom Schiff verabschiedet, damit dieses von einer Ehrentruppe geleitet die Reise nach Aleppo, seinem Bestimmungsort, fortsetzen konnte. Die Schiffsmannschaft feierte das Osterfest im Hafen, und am 14. April wurden die Anker zur Heimfahrt gelichtet. Jetzt beobachtete man grosse Vorsicht, da offener Krieg zwischen Spanien und Holland ausgebrochen war. Nach mancherlei Gefechten, Stürmen und anderen Fährlichkeiten langte das Schiff in England an. Wann die Ankunft in Holland erfolgte, ist nicht bekannt. Überliefert sind nur die Worte Brauns zum Abschluss seiner Reisen: «Seind also endlichen / mit Gott / glücklichen in Holland widerumb ankommen. Allda die Admiralität vns alle mit gutem danck wohl bezahlet hat.»
  
Braun war nun nach zehnjähriger Dienstzeit des Reisens überdrüssig. Lange hatte er sich, immer wenn das Schiff irgendwo vor Anker lag und während seines langen Aufenthaltes in Ghana, mit der Tier- und Pflanzenwelt, ganz besonders aber mit Kultur und den Lebensgewohnheiten der ansässigen Bevölkerung beschäftigt. Jetzt war genug. Als er hörte, dass der Religionskrieg in Deutschland sich nicht bis in seine Schweizer Heimat ausgebreitet hätte, kehrte er – wohlbegütert, denn er hatte auf seinen Reisen neben seinem festen Gehalt ja auch die Erlaubnis erhalten, auf eigene Rechnung Handel zu treiben – nach Basel zurück und liess sich hier als Wundarzt nieder. Aus dem rastlosen Reisenden wurde ein sesshafter Bürger. Kurz nach seiner Rückkehr erwarb er das Bürgerrecht der Stadt Basel; er nahm aber seinen Wohnsitz nach kurzem Aufenthalt in Basel im benachbarten Liestal; wie aus einem Protokoll der Ratssitzung hervorgeht, die ihm die Genehmigung dazu erteilte. Mitte 1628 zog er definitiv nach Basel zurück. Bereits im Jahre 1623 heiratet Braun seine Barbara, die ihm sage und schreibe 13 Kinder gebar. Das Leben Brauns hätte wohl ein ziemlich unspektakulären weiteren Verlauf genommen (wenn man das bei so reichem Kindersegen überhaupt schreiben kann), er wäre wohl in der Geschichtsschreibung verschwunden, wäre da nicht ein gewisser Johannes Gross gewesen – und ohne eben diesen Pfarrer Gross hätten Sie wohl heute nicht Gelegenheit, von Braun, diesem verdienstvollen Basler Seefahrer zu lesen. Nun, die Schilderungen des weitgereisten Mannes erregten natürlich die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger. Und so kam es, dass ihn sein Freund, eben Johannes Gross, Pfarrer zu St. Leonhard, bewegen konnte, seine Erlebnisse im Druck herauszugeben. 
 
Der Reisebericht erschien also druckfrisch im März des Jahres 1624 in Basel. Der Verleger, Johann Jakob Genath, widmet das Büchlein mehreren «ehrenvesten / fürnehmen vnd fürgeachteten» Bürgern Basels, den Herren Christoffel Danon, Andreas Gissler, Claudius Guntier und Sebastian Güntzer. In welchem Verhältnis diese Herren zu Genath oder Braun gestanden haben, ist jedoch nicht nachzuvollziehen. Der (nicht gerade kurze) Titel der Publikation: «Samuel Brun / des  Wundartzet vnd Burgers zu Basel / Schiffarten: Welche er in etliche newe Länder vnd Insulen / zu fünff vnderschiecllichen malen / mit Gotteshülff gethan: An jetzo aber auf begern vieler ehrlicher Leuthen / selbs beschrieben: vnd meimisdichen / mit kurtzweil vnd nutz zu läsen / in Truck kommen lassen.» Dem Bericht voran geht ein Gedicht «an den Christlichen Läser» das von Pfarrer Johannes Gross verfasst ist. Es beginnt mit den Worten: 

 

«In diesem Büchlein / Läser frumm /
Du finden kannst in einer summ:
Wie wunderbar / stark / gütig / grecht
Sey Gott der Herr beim Menschengschlecht.
Dass er der Erden grösten theil
Ins Wasser gsetzt / zu vnserm Heil.»

 

Gross gibt damit den Charakter des Ganzen an. Es ist eine Lobpreisung der Güte Gottes; dann folgt, unter Anführung einer Menge Bibelstellen, ein Vergleich der Schifffahrt auf dem Meere mit dem Leben des Christen, dessen Schiff, die Kirche, auf dem Meer der bösen Welt dahin fährt. 
 
Natürlich, es gab schon auch andere, die ihre Reiseerlebnisse rund um den Erdball aufgezeichnet haben: Eduard Lopez zum Beispiel (nach ihm ist übrigens das Kap Lopez benannt), Jost Kramer, Johann Albrecht von Mandelslo, Georg Marcgraf, Valentin Ferdinand, Lukas Rem und Hans Mayr, Josua Ultzheimer usf. Bedeutender aber als alle diese war der Basler Wundarzt Samuel Braun. Denn nur er war es, der die gesamte Guineaküste bereiste, und dessen Reisebericht als die erste wissenschaftliche deutsche Reisebeschreibung bezeichnet werden muss. Das kleine Werk erregte sodann auch derart Aufsehen, dass es 1625 in Frankfurt Eingang in die Reiseberichtsammlung der Gebrüder de Bry (1. Band «India orientalis») fand, und dies auch in einer etwas freien lateinischen Übersetzung. Bereits 1626 wurden Brauns Berichte darüber hinaus zu Nürnberg als 19. der berühmten 26 Schifffahrten des Verlegers Levinus Hulsius nachgedruckt. Und dennoch blieb Brauns Reisebeschreibung ab dann eigentlich ohne weitere Wirkung und ward bald vergessen. Die pomphaften, die Wahrheit durch Phantasiebilder ergänzenden Schilderungen anderer Reisender trafen den Geschmack des Publikums weit besser, und so bleib Brauns Werklein auch ohne Eifnluss auf die spätere Forschung – bis zur Wende des 20. Jahrhunderts: Erst dann wurde es wieder zu Ehren gezogen und fand durch Georg Hennings Publikation «Samuel Braun, der erste deutsche wissenschaftliche Afrikareisende: Beitrag zur Erforschungsgeschichte von Westafrika» die verdiente Würdigung! Erst jetzt, im ausgehenden 19. resp. beginnenden 20. Jahrhundert, wurde der wahre Wert der sachlichen Beschreibungen der Sitten und Religionen, der Tier- und Pflanzenwelt in den bereisten Gegenden erkannt und wissenschaftlich nutzbar gemacht.
 
Nach der Veröffentlichung seines kleinen, aber bedeutenden Werkes widmete sich Braun ganz seiner Berufspraxis. Er liess sich in die Schererzunft (E. E. Zunft zum Goldenen Stern) aufnehmen, und erwarb sich durch seine Geschicklichkeit und Erfahrung bald allgemeine Achtung, sodass er zum Mitglied des Zunftvorstandes und Vertreter der Zunft im Grossen Rat, später auch zum Säckelmeister und schliesslich zum Meister der Zunft gewählt wurde. Auch die städtischen Behörden schätzten seine Tüchtigkeit. Sie ernannten ihn zum Spitalchirurgen, zum Hebammenherrn und zum Vermögensverwalter des aufgehobenen Klosters Gnadenthal. Einen grossen Schicksalsschlag musste Braun aber dennoch verkraften. 1648 starb seine innig geliebte Barbara. Samuel Braun wäre wohl auch dieses mal nicht Samuel Braun gewesen, hätte er nicht auch das weggesteckt: Noch im gleichen Jahr ehelichte er Maria Treu.
  
Die Bewunderung, die Samuel Braun zu Teil wurde, muss sicher bemerkenswert gewesen sein. Mit aller Wahrscheinlichkeit wurde ihm diese auch von einem andern bekannten, wenn zuweilen auch etwas umstrittenen Basler Chirurgen und Geburtshelfer namens Johannes Fatio geschenkt. Fatio aber wurde erst 1672 in den erlauchten Kreis der Schererzunft aufgenommen. Bereits am 31. Juli 1668 jedoch beschloss Samuel Braun in hohem Alter sein inhaltsreiches Leben. Bis zum letzten Tag seines Lebens hielt er das Amt des Meisters der Scherenzunft inne. Fatio war da gerade mal 19 Jahre alt. Seinen Beitritt sollte Samuel Braun nicht mehr erleben.

 
 

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«Schiffarten: Welche er in etliche newe Länder vnd Insulen gethan»  (Google)

 
 
 

Bibliografische Informationen: Titel: Schiffahrten; Autor: Samuel Braun; Herausgeber: Eduard Sieber; Ausgabe: Neuauflage; Verlag: E. Reinhardt, 1624; Original von: University of California; Digitalisiert: 5. Dezember 2007; Länge: 160 Seiten; Copyright: Google ► Weitere Informationen zu diesem von Google digitalisierten E-Book 

 
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