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Junteressli

Junteressli an der Basler Fasnacht
Bild: Christian Rieder • © VISIT BASEL AG
 

Junteressli

►Artikel von Maja Reichenbach. 31. März 2011

 

Irgendwie schräg, dass sich Fasnächtler auch heute noch vereinzelt dieser Tortur stellen und beinahe ein ganzes Pferd mit sich herum schleppen. Meist ist es nicht ganz handlich und auch nicht gerade federleicht. Wobei – dies muss betont werden – kommen in neuerer Zeit weniger Junteressli als andere Junte-Arten in Basels Strassen und Gassen zum Einsatz. Denn wie im normalen Alltag werden auch an der Fasnacht die Rosse durch motorisierte Pferdestärken abgelöst.

 

Zu aller Anfang soll hier das Wort «Junte» erklärt werden, da dieses Wort praktisch vollständig aus unserem modernen Wortschatz entfleucht ist. Ausser in urbaslerischen Familien wird es noch vereinzelt von der älteren Generation verwendet.
 
Eine Junte ist ein weibliches Kleidungsstück, welches von den Hüften abwärts den Unterkörper umwallt. Besser bekannt als Jupe oder Rock. Es kann sich mit dieser Beizeichnung allerdings auch um ein weibliches Mitglied einer Fasnachtsgruppierung handeln, da man in diesem Fall die Frauen auf das Kleidungsstück reduziert hat; was nicht unbedingt abschätzig gewertet werden darf. Zum Beispiel nennt sich der Frauenharsch der Fasnachtsclique Ari seit ihrer Gründung «d’Junte». Diese Frauenclique konnte 2011 ihr 50jähriges Jubiläum begehen, weshalb diese Frauen ein ganz spezielles Kostüm kreierten. Sie nahmen nämlich Junten, sprich Röcke und türmten diese, wie umgekehrte Becher übereinander auf, zu einer Art Säulen-Junte.

 

Was ist nun aber das klassische Junteressli? Ganz einfach. Ein Pferd – natürlich kein echtes –, welches man sich um die Hüfte legen kann, wie eben eine «Junte». Will heissen, dass der meist aus Papiermaché hergestellte Gaul oben im Rücken ein Loch hat, damit sich der vermeintliche Reiter in dieses Gestell hineinzwängen kann. Damit das Pferdchen sodann auch in der richtigen Höhe zu hängen kommt, wird es mit hosenträgerähnlichen Traggurten justiert. An jede Flanke des künstlichen Rosses wird jeweils noch ein ausgestopftes Reiterbein montiert, möglichst mit Steigeisen, so dass es den Eindruck macht, als ob dieses Tier tatsächlich geritten würde. Die Figur erhält auf diese Weise ein äusserst ulkiges Aussehen, da der Reiter zwei künstliche, viel zu kleine Beinchen bekommt und es aussieht, als hätte das unechte Vieh nur zwei Beine. Na ja …!

 

Man kann sich durchaus vorstellen, dass das Jundteressli nicht gerade die einfachste Form der Maskerade ist. Und bei weitem nicht für alle Mitwirkenden geeignet. Ein Tambour könnte sich nie ein solches Pferd umhängen, da er ja bereits einen Kessel vor sich her zu tragen hat. Der Pfeifer hätte es da schon einfacher, doch scheuen die meisten Piccolospieler das zusätzliche, nicht zu unterschätzende Gewicht. So findet  man diese Figur vorwiegend im Vortrab einer Clique. Und dorthin gehört das Junteressli eigentlich auch, wie die Historie uns zeigt.

 

Wenn man sich die Bildbogen der Fasnachtsumzüge des 19. Jahrhunderts ansieht, fällt auf, dass die Pferde immer und immer wieder in Erscheinung treten und so aus der Fasnacht gar nicht wegzudenken sind. Nicht nur die Wagen und Chaisen wurden von den Pferden gezogen. Nein, auf den Gäulen wurde selbstverständlich auch geritten. Prinz Karneval ritt schliesslich zusammen mit seinem Hofstaat noch bis ins frühe 20. Jahrhundert an der Spitze des Umzuges – und dies in Basel, wohlverstanden! Später galt dann: Was eine richtige Stammclique ist, hatte zwingend an vorderster Front so genannte Vorreiter, welche durch das staunende Publikum hindurch den Platz für den dahinterher schreitenden Zug bahnten. Wer geht nicht gerne aus dem Weg, wenn plötzlich ein Pferd hinter einem steht? So ein Tier trägt nicht nur dazu bei, die gesamte Ästhetik des Zuges zu heben, sondern ist daneben ein wirksames Mittel, um sich zu behaupten.

 

Jedoch schlagen die Vorreiter mit beträchtlichen Kosten zu Buche. Früher war es wohl noch leichter, einem Bekannten leihweise einen Gaul abzuschwatzen, um diesen dann gar selbst zu reiten. Hinzu kommt, dass der Sicherheitsaspekt vermehrt in den Vordergrund getreten ist. Es darf natürlich nicht passieren, dass ein Pferd scheut, weshalb heutzutage die Tiere speziell auf die Fasnacht vorbereitet werden müssen. Damit sie in der Menschenmasse die Ruhe bewahren können, obschon die fasnächtliche Kakophonie an die zarten Ohren der Rosse dringt, werden heutzutage auf gewissen Höfen die Tiere schon einige Wochen vor der Fasnacht mit Fasnachtsmusik beschallt, damit sie sich an den Lärm gewöhnen können.
Es soll sogar Pferde geben, die tatsächlich Freude an diesem Tumult haben, und wenn sie dann in die Nähe einer Guggenmusik kommen, anstatt normal weiter zu gehen, fast schon tänzelnd die Route weiter unter ihre Hufe nehmen.

 

Da heute aber nicht nur der Gaul angemietet werden muss, sondern zusätzlich noch ein fähiger Reiter und wohl auch eine Betreupersonen, wich der sparsame Fasnächtler auf Selbstgebasteltes aus. Diejenigen, die schon den Versuch gestartet haben, ein Juntenressli zu erschaffen, wissen, wieviel handwerkliches Geschick dies erfordert. Der grösste Herausforderung liegt wahrscheinlich im Gewicht des Junten-Geschöpfs, da dieses ja, wie schon erwähnt, über weite Strecken getragen werden muss.
 
Mit der Lösung des Gewichtproblems sind nun der Phantasie keine Grenze mehr gesetzt. Es muss nicht beim künstlichen Pferd bleiben, sondern es können auch Junten-Autos oder Junte-Torten oder sonst was Juntiges sein. Und mit diesen unterschiedlichen Formen variieren natürlich auch die zum Einsatz kommenden Materialien. Drahtgeflechte mit Papiermaché oder mit Stoff überzogen oder irgend ein anderes geeignetes Kunststofffabrikat. Auf der Suche nach diesen Materialien kann es dann doch schon mal vorkommen, dass es die Bastler auf eine Irrfahrt in die Innerschweiz zur Firma Airex AG verschlägt, um sich dort mit Hightechwerkstoffen auszustatten. Allerdings kommt dies dann fast so teuer, wie das Anmieten eines echten Pferdes. Doch ist zu konstatieren, dass der künstliche Gaul nur Initialkosten verursacht, den Hafer kann man beim Händler lassen. Ein weiterer praktischer Punkt, das Vieh selbst zu züchten: Man kann es nach der Fasnacht auseinanderbauen oder umbauen und modifizieren und im darauf folgenden Jahr, mit einem recycelten Junten-Dings eine weitere Fasnacht bestreiten.

 

Wohl kaum eine andere Fasnachtsfigur bedarf solch künstlerischen Aufwands wie das Junteressli. Weshalb zu hoffen ist, dass auch in der heutigen Zeit, wo vermehrt gekauft anstatt selbstgebastelt wird, das Junteressli nie auf die rote Liste der aussterbenden Tiere gesetzt werden muss. Wir gehen davon aus, dass die 1969 gegründete Clique, welche eben als «Junteressli» unterwegs ist, den Forbestand der Figur sichern wird.

 
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